Blickrichtung
Sie erblaßte und konnte kaum sprechen. Mit himmlischen Tränen bat sie mich endlich,
den edlern stärkern Teil meines Wesesn kennen zu lernen, wie sie ihn kenne, auf
das Selbständige, Unbezwingliche, Göttliche, das wie in allen, auch in mir sei, mein Auge zu richten -
was von ihr komme, und in sie zurückgehe, sei ewig - was Mangel und Not vereinige,
höre auf, Eines zu sein, sowie die Not aufhöre; was sich vereinige in dem und für das,
was allein groß, allein heilig, allein unerschütterlich seie, dessen Vereinigung müsse ewig bestehen,
wie das Ewige, wodurch und wofür sie bestehe und so - Hier mußte sie enden. Die andern kamen ihr nach.
Ich hätte in diesem Augenblicke tausend Leben daran gewagt, sie auszuhören ! Ich habe sie nie ausgehört.
Über den Sternen hör ich vielleicht das übrige.
Hölderlin "Hyperion"
Ermunterung
Echo des Himmels! heiliges Herz! warum,
Warum verstummst Du unter den Lebenden,
Schläfst, freies! von den Götterlosen
Ewig hinab in die Nacht verwiesen?
Wacht denn, wie vormals, nimmer des Äthers Licht?
Und blüht die alte Mutter, die Erde, nicht?
Und übt der Geist nicht da und dort, nicht
Lächelnd die Liebe das Recht noch immer?
Nur du nicht mehr! doch mahnen die Himmlischen,
Und stillebildend weht, wie ein kahl Gefild,
Der Otem der Natur dich an, der
Alleserheiternde, seelenvolle.
O Hoffnung! bald, bald singen die Haine nicht
Des Lebens Lob allein, denn es ist die Zeit,
Daß aus der Menschen Munde sie, die
Schönere Seele sich neuverkündet,
Dann liebender im Bunde mit Sterblichen
Das Element sich bildet, und dann erst reich,
Bei frommer Kinder Dank, der Erde
Brust, die unendliche, sich entfaltet
Und unsre Tage wieder, wie Blumen, sind,
Wo sie, des Himmels Sonne, sich ausgeteilt
Im stillen Wechsel sieht und wieder
Froh in den frohen das Licht sich findet,
Und er, der sprachlos waltet und unbekannt
Zukünftiges bereitet, der Gott, der Geist
Im Menschenwort, am schönen Tage
Kommenden Jahren, wie einst, sich ausspricht.
Hölderlin
Kaskade
Du glaubst, bei bewußten Handlungen gibt es keine Unschärfe, alles läßt sich mittels einer Kausalkaskade zurück eruieren?
Das ist doch nicht Dein ernst, natürlich hab ich Gründe für meine Handlungen, aber das ist doch nicht gleichzusetzen mit determiniert. Es gibt soviele parallele Motive, die ähnlich stark sind, so dass ich auswählen kann und muss, und es ist nicht möglich, weder für mich noch für einen Beobachter eindeutig zu prognostizieren wie ich mich entscheide.
Übrigens, ich halte sowohl die Freiheit als auch den Determinismus für letztlich unbeweisbar. Wenn ich aber damit recht habe, glaube ich lieber an die Freiheit.
... das Absolute bei uns sein will und schon ist.
"Wenn die Geschichte der Menschheit irgendein Ziel hat, dann ist es das Ziel, daß das Erkennen, die produktive Beziehungsmacht die Oberhand behält über die Destruktion, die doch ohne das Erkennen, gegen das sie sich wendet, gar keinen Sinn hat.
Die Wahrheit mißt auch das Unwahre, die Vernunft auch die Unvernunft: da Hegel den Prozeß der Wahrheit oder des Erkennens dabei als Prozeß auch der Selbstentfremdung, der Produktion von Schein und unmittelbarer Andersheit oder Differenz denkt, ist dies kein billiger Optimismus.
Wohl aber liegt darin die Vernunftgewissheit, daß in jedem Schmerz, den das Individuum in seiner Endlichkeit erfährt, eine Hoffung liegt - eine Hoffnung, die zugleich eine Erinnerung daran ist, daß an sich das
Erkennen schon da ist, oder daß, wie Hegel es auch ausdrücken kann, das Absolute bei uns sein will und schon ist."
Thomas Sören Hoffmann, aus G.W.F. Hegel, Eine Propädeutik