Ein Komma!

"Womit er sich Tagelang beschäftigen kann, das ist sein Hyperion. Hundertmal, wenn ich zu ihm kam, hört ich ihn schon außen mit lauter Stimme declamieren. Sein Pathos ist groß, und Hyperion liegt beynahe immer aufgeschlagen da. Er las mir oft daraus vor. Hatte er eine Stelle weg, so fieng er an mit heftigem Gebärdenspiel zu rufen: "O schön, schön! Eure Majestät!" - Dann las er wieder, dann konnte er plötzlich hinzusetzen: "Sehen Sie, gnädiger Herr, ein Komma!" [...]

Die Natur, ein hübscher Spaziergang, der freye Himmel that ihm immer gut. Ein Glück für ihn ist es, daß er von seinem Zimmerchen aus eine wirklich recht lachende Aussicht auf den Neckar, der sein Haus bespült, und auf ein liebliches Stück Wiesen- und Berglandschaft genießt. Davon gehen noch eine Menge klarer und wahrer Bilder in die Gedichte über, die er schreibt, wenn ihm der Tischler Papier gibt.

Merkwürdig ist, daß er nicht auf Gegenstände zu sprechen gebracht werden konnte, die ihm ehedem in bessern Tagen sehr in Anspruch genommen. Von Frankfurth, Diotima, von Griechenland, seinen Poesien und dergleichen ihm einst so wichtigen Dingen redet er kein Wort, und wenn man auch geradezu fragt: "Sie waren wohl schon lange nicht mehr in Frankfurth", so antwortet er blos mit einer Verbeugung: "Oui, Monsieur, Sie behaupten das", und dann kommt eine Fluth von Halbfanzösisch."

Aus Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn,
Wilhelm Waiblinger

zitiert nach Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. D.E.Sattler
29 Mai '05 21:16 | | 1 Kommentar

Es lebe mein Volkswagen!

Bilder und Zitat aus
Für 1200 - 1300/2/3 - 1500 - 1600 und 17000
Käfer - Bus - Fliess-/Stufenheck - Variant - 411
Es lebe mein Volkswagen!
Eine Reparaturanleitung
für den
Autotrottel

von John Muir, übersetzt von Ruth Shamai & Herbert Jeschke, Zeichnungen von Peter Aschwanden, R. Shamai Verlag Hamburg, BRD, 1978



Aus der Einführung:
"Während die Ebenen der menschlichen Logik vielfach und verschieden sind, arbeitet dein Auto auf einer einfachenen Ebene und es kommt auf dich an, seinen Trip zu verstehen. Rede mit deinem Auto, dann schweige und hör zu. Fühl mit dem Auto, nutz all deine Sinne, und wenn du herausgefunden hast, was es braucht, sieh im Buch nach dem Arbeitsgang und mache es mit Liebe! Das Leben deines Autos unterscheided sich von deinem Leben nur durch die Dauer, die logische Ebene und begreiflichen Ausnahmen, aber es ist totzdem 'Leben'. Sein Karma hängt von deinem Wunsch ab, es lebendig zu machen und zu halten."

Zeichnung vom Achsschenkel


Das Buch hat viele wunderschöne Zeichnungen, hier ein Beispiel vom Aufbau eines Achsschenkels, und Lagerbügel für den Achsschenkelbolzen. Noch ein Bild der Übersetzerin, mit Fridolin:

Fridolin
22 Mai '05 16:27 | | kommentieren

Mein Pfingstwunder

Was bedeutet es, daß der Geist vom Himmel kam. Man kann den menschlichen Geist auffassen, als eine Anpassungsleistung an die Umgebung, die dem Menschen erhebliche Vorteile in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt verschafft hat. Es ist sehr wahrscheinlich, daß so ein immer differenzierter arbeitendes Werkzeug, welches sich den Namen Geist gab, sich herausbilden konnte. Aber das Werkzeug kann nur funktionieren, wenn es tatsächlich in irgendeiner Form zu bestimmten Eigenschaften der Umwelt passt. Eine Flosse, ein Flügel spiegeln Eigenschaften des Mediums, in dem sie angewendet werden sollen, wieder, der Elch kann die Klauen spreizen und sich so ein Stück weit in den weichen Boden einsinken lassen, ein Chamäleon seine Farbe dem Untergrund anpassen usw.

So ist sehr wahrscheinlich der menschliche Geist, und insbesondere das Bewußtsein ein Epiphänomen. Ob man nun sagen kann, daß sich die Evolution zwingend in diese Richtung entwickeln musste, daß also früher oder später ein Werkzeug entstehen musste welches die logischen Zusammenhänge der Umwelt erfassen konnte, ist hier nicht zu klären.

Was mir aber klar zu sein scheint, ist, daß plötzlich das Dasein sich selbst transparenter wurde. Dieses Werkzeug wird einer Eigenschaft der Umwelt gerecht, nämlich logischen Gesetzen zu unterliegen (ein Apfel fällt fast immer vom Baum und wird sehr viel seltener wieder vom Boden zum Baum aufsteigen ..), indem es logische Verknüpfungen herstellen kann, die von der gegebenen Situation auf andere abstrahiert. Wenn ich hier unter diesem Apfelbaum lange genug stehen bleibe, wird irgendwann vermutlich ein Apfel herunterfallen auch wenn es im Moment (Frühjahr) gar nicht danach ausschaut.

Abstraktion und Antizipation haben nun aber im Laufe der Entwicklung eine Dimension angenommen, die dazu führte, dass sich die Evolution im Menschen selbst bestimmte Fragen nach sich stellen konnte und auf der anderen Seite der Mensch sich als die sich fragende Natur auffassen konnte.

Evolution geht so - und das ist nun eben das Pfingsterlebniss - von einem bewußtlosen Prozess in einen bewußten über. Der Logos, also die Ordnung, die dem Sein zu Grunde liegt, ohne die es eben nicht sein könnte, weil die Umgebung nur bestimmten geordneten Mustern Überleben ermöglicht, wird sich selbst transparent.

Gott wird insofern Mensch, da der schöpferische Fortgang der Evolution in unsere Hände gelegt wurde, der Geist schwebt nicht mehr nur bewußtlos in den Dingen, reproduziert sich und mutiert um sich in Varianten wieder zu reproduzieren, sofern er der höheren Logik des Dasein-Könnens gerecht wird.

Nein, der Geist wird sich selbst bewußt, das bedeutet ein Vorstoß in die grenzenlosen Weiten eines Universums von Möglichkeiten.

Ideen gibt es wahrlich mehr wie Sand am Meer und Muscheln dazwischen wie hingeworfen. Einen verständigen Finder erwartend das Rauschen am Ohr, die Gezeiten hoffen endlich verstanden zu werden in ihrer Unendlichkeit, das A und das O, der Anfang und das Ende, und der Tod wird nicht mehr sein, und weder Geschrei noch Leid.

Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Was sagte Koko der Gorilla auf die Frage was der Tod sei: Gemütlich, Höhle, auf Wiedersehen.

Deshalb das Gebet "Veni, Sancte Spiritus", man feuert sich selbst an, geistreicher zu sein, aber man kann es nicht erzwingen. Es bleibt immer noch ein Geschenk des Himmels, weil sich der Geist zurecht dem instrumentellen Gebrauch seiner letzten Bastion entzieht, indem er dort, wo er erzwungen werden soll, nicht erscheint. Der Geist weht wo er will, Inspiration braucht ein bestimmtes Klima um aufzuleben.

Freiheit ist so ein wohltemperiertes Gewächshaus, wo er reiche Früchte trägt, die Früchte aber des heiligen Geistes sind Freude, Friede, Ruhe, Liebe - so steht es geschrieben in inspirierten Schriften und daß der Glaube Berge versetzt, durch Pfingsten wird aus dem Glauben an eine höhere Wirklichkeit – Selbstvertrauen.
15 Mai '05 11:41 | | kommentieren

Die Trichter

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u.s.
w.

Christian Morgenstern, *6.Mai 1871

08 Mai '05 16:35 | | 1 Kommentar

Geißenklösterle



Das Geißenklösterle befindet sich in einer Felsformation am südlichen Rand der Schwäbischen Alb nahe Blaubeuren.



Das Naturschutz-Zeichen zwischen den beiden mittleren Bäumen markiert die Stelle, an Funde aus der Steinzeit ausgegraben wurden. Die Felsen drumrum bilden ein riesiges Omega, welches zur Talseite hin geöffnet ist.



Der Weg geht unter diesen Baum durch ... die Grabungsstelle ist rechts hinter dem Gitter, es handelt sich dabei eher um einen Unterschlupf als eine Höhle.



Durchs Gitter durchfotografiert, die Drahtseile markieren Kooridinaten für die Grabungen. Gefunden hat man hier u.a. eine 35 000 Jahre alte Flöte aus dem Knochen eines Singschwanes, und gilt damit als das älteste Musikinstrument der Steinzeit. Ungefähr aus der gleichen Zeit wie die Flöte stammt auch der Adorant, eine kleines Relief, halb Mensch, halb Tier.

Fundschichten gibt es bis zu einem Alter von 40 000 Jahren, also bis in die Zeit der Neandertaler.



Es gibt eine CD mit Aufnahmen von F. Seeberger, die hier im Geißenklösterle gemacht wurden, wo er auf einer Replika der Flöte improvisiert, das klingt teilweise ganz wunderbar, und nicht ganz so schräg wie die Klangproben hier.



Bild von der Höhle ins Tal der Ach, in der Steinzeit muß man sich die Landschaft rauher vorstellen, mit der Albhochfläche als arktische Tundrensteppe, und geschützten bewaldeten Tälern.
05 Mai '05 20:32 | | 1 Kommentar

Gruß den Simulanten

Wir können so halbwegs wählen worauf wir uns konzentrieren und je nachdem entwickeln wir uns. Ich meine, man kann sich in alles mögliche reinsteigern, man kann es aber auch sein lassen oder sich in was anderes reinsteigern. Man sollte darüber nachdenken, wie man über die Dinge denken will, denn wie wir über die Dinge denken verändert uns.

Ich kann jetzt nicht schreiben es gibt keine Wahrheit, sondern es kommt alles auf unsere Interpretation an - diese Aussage wäre paradox, aber trotzdem halte ich sie für richtig, ich habe gewählt. Ich habe mich für ein System entschieden, in meinem System passen die Dinge zueinander und ich denke mein System tut mir gut.

Nietzsche dachte in einem anderen System - es hat ihm, denke ich mal eher geschadet, aber vielleicht war es ihm wichtiger berühmt zu werden und er hat nur so eine Chance gesehen. Das soll jetzt nicht Nietzsche verunglimpfen, seine Prioritäten lagen eben anders und irgendwie hat er sich damit grandios selbst widersprochen, er hat sich dann doch wieder geopfert, für wen oder was auch immer.

Ich lehne bittere Wahrheiten ab - und grüsse nur noch Simulanten.
01 Mai '05 20:38 | | 1 Kommentar
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