Landflucht
Oft, wenn ich Menschenstimmen hörte, war mirs, als mahnten sie mich, aus einem Lande zu flüchten, worein ich nicht gehörte, und ich kam mir vor, wie ein Geist, der sich über die Mitternachtstunde verweilt hat, und den Hahnenschrei hört.
F. Hölderlin, Hyperion
Der Sinn in einem Erdloch
Was der Sinn des Lebens ist?! Ja, möglicherweise gibts an dieser Welt noch einige Dinge zu optimieren. Vielleicht auch geht es darum, noch ein paar tausend Jahre über den Sinn des Lebens nachzugrübeln, bis man endlich versteht, wozu das Ganze da sein könnte. Oder darum, Unglück zu vermindern und Glück zu mehren. Vielleicht braucht es das Leben, damit sich jenes berühmte Hegelsche "An-und-für-sich-sein" realisieren läßt.
Findest Du es nicht zumindest staunenswert was bisher geschah, ich meine diese Entwicklung, bis das Sein über sich staunen konnte? Vielleicht gelingt es ja und eines Tages findet jemand irgendwo unter einer versteckten Steinplatte den Sinn des Lebens - nein ist natürlich Quatsch. Ich denke, man muss Sinn stiften, d.h. daran arbeiten, dass man selbst und andere glücklicher ist/sind. Wann würde das Leben denn Sinn machen, doch dann, wenn durch das Leben etwas besser wird und wenn dieses etwas das Leben selbst ist.
Du findest es wunderbar, in einer sinnlosen Welt zu leben? Gehörst Du etwa nicht zur Welt? Wir fragen immer nach dem Sinn der Welt und schließen, weil wir jenseits von uns nichts finden, daraus, dass die Welt keinen Sinn hat. Die Welt ist aber nicht jenseits von uns. Wir sind ihr Bewußtsein.
Hölderlin, Heidegger und das Künftige
Auszug, von Detlev Lüders, zitiert aus "Voll Verdienst, doch dichterisch wohnet / Der Mensch auf dieser Erde", Heidegger und Hölderlin, Martin-Heidegger-Gesellschaft
Als das einzig Heilsame und Zukünftige erweist sich [...] für Hölderlin und für Heidegger die Einkehr des Menschen in sein eigenliches, anfängliches aber geschichtlich immer neu zu gründendes Wesen. Das "Echo des Himmels" und der "Hirt des Seins" sind die Leitworte für das Wesen des künftigen Menschen.
Wir kehren zum Anfang zurück. Heidegger fragt:
"Wie lange noch sperren wir uns, das Seiende als seiend zu erfahren? Wie lange noch wollen die Deutschen [Hölderlins] Wort überhören [...]?"
Ob wir, ob unsere Zeit, ob die nächsten Jahrzehnte oder Jahrhunderte dem Heilsamen gewachsen sind, weiß niemand, Vielleicht siegt das Gestell als die Gefahr. Heidegger selbs hat die Möglichkeit ins Auge gefaßt, "daß auf lange Zeit hinaus kein Weitergeben des Großen und kein Wiederbringen des Wesenhaften mehr möglich ist; daß es dergleichen nicht mehr gibt: auf eine Zukunft hoffen, die [...] Ursprüngliches bewahrt". |
Indessen sind Hölderlins Dichtung und Heidegegrs Denken uns als das Künftige anvertraut. Beide führen in den "anderen Anfang", der nicht mehr planend rechnet, sondern andenkend sinnt. Hier werden die Dinge, wie Heidegger sagt, "zwar nicht 'begreiflicher', im Sinne des wissenschaflichen Erklärens, aber [ihr] Wesen wird uns würdereicher und geheimnisvoller". Das andenkende Denken führt uns letztlich in lauter Geheimnisse.
Indem dieses Denken dem 'unerschöpflichen' Reichtum der Dinge gehorcht, der sich dem 'dichterischen Wohnen' des Menschen zeigt, läßt es dass Wesen der Dinge das Geheimnis sein, das es ist, und eignet es uns als solches zu. Im "Sternengang des Geheimnisses" zu verweilen, in dem kein rechnendes Erklären reicht, ist die eigentliche Würde des Wesens der Dinge. Hier leuchtet die ursprüngliche Wahrheit als das "glühende Herdfeuer", das ein künftiges 'Wohnen auf dieser Erde' erhellen könnte.
Remembär Schnittmuster
mit Anleitung, was will man mehr ...
Neuer Wein in alten Schläuchen
Die Wiege des Geistes ist die Natur.
Und der Geist ist die Wiege der Natur.
So wie ohne Natur kein Geist wirklich sein kann, so bringt doch dieser Geist die Natur erst hervor.
Wer war nun also zuerst da, scheint die Frage zu sein, die sich aufdrängt. Aber noch läßt sich nicht ausloten, ob es ein „zuerst" überhaupt gibt. Da die Zeit möglicherweise auch „nur" ein Produkt des Geistes ist, und an dessen Anfang deshalb schwerlich existieren konnte.
Es bietet sich einem die Dialektik des Werdens im Wechselspiel zwischen Geist und Materie als größte Annäherung an die Wirklichkeit an.
So wie durch die natülichen Prozesse die Information der DNA sich weiterentwickelt hat und immer neue Organisationsformen generiert, so hat natürlich dieser neue Stand der Evolution Rückwirkungen auf sich selbst. In dem mehr oder weniger fortgeschrittenen Stadium der Evolution, in dem wir uns befinden, betritt nun der Geist (erstmalig) selbst die Bühne und beginnt sich zu demaskieren, um sich so sich seiner selbst zu vergewissern.
Ansich kann er jetzt frei sich als reiner Geist bewegen, doch bleibt es dann bei dieser unerträglichen Spannung des "Nicht von dieser Welt"-Seins. Das materielle Leben bildet dann diesen immerwährenden Pfahl im Fleisch, oder besser, es hinkt hinter seinen Möglichkeiten zurück, während der Geist schon so uneinholbar weit vorausgeeilt ist.
Besser erscheint es da, wenn man des „Maßes allzeit kundig“ und mit bedacht sie Wohnungen der Menschen berührt, d.h. auch sich selbst nur insoweit „begeistert“, wie man mit dem alten Adam noch hinterher kommt.
Wir sind nunmal neuer Wein in alten Schläuchen, es ist etwas ausgegossen in unser Herz, doch beim Stufengang zwischen Geist und Natur verlieren diese Entwicklungsstufen ihre Stabilität, wenn der Geist zu schnell den Himmel stürmen will.
Vielleicht ist der Mensch selbst ein solch übereilter, instabiler Treppenabschnitt. Und der Geist, der dazu paßt, ist eben nicht dieses Maßes kundig. Es gelingt nicht die Balance zu halten, dazu sind die großen Versprechungen zu verlockend - in diesem Sinn könnte man auch mit Nietzsche und Celan rufen: "Bleibet der Erde treu auch wenn da noch Lieder zu singen sind jenseits der Menschen."
Auf der anderen Seite und vielleicht mit noch größerem Recht gilt es, den Blick für diese historische Chance dieses Lichtblickes der Evolution immer wieder zu schärfen, ja oftmals wird es sogar notwendig sein, die Menschen für diese Selbsterkenntnis erst geschickt zu machen.
Nur dort kann der Mensch tatsächlich zum Salz der Erde werden wo er seine Göttlichkeit wirklich begreift, wo er realisiert, welches Geistes Kind er ist und was dies bedeutet. Die Formel. daß Gott Mensch geworden ist, bedeutet doch richtig verstanden: Gott hat sich bislang erst aus seinem an-sich-sein bis zur Stufe des Menschen herausgelöst, und erst durch den heiligen Geist (also durch den Zugriff auf die bloßen Potenzen in den weiten Räumen des Möglichen) kann eine solchermaßen begeisterte Natur sich hin auf ihr potentiel göttliches Wesen entfalten. Der heilige Geist ist deshalb als eine der Existenzformen Gottes gedeutet worden, die uns zu Hilfe kommt, und in der Tat ist es unsere einzige Chance, die Wirklichkeit mit und in diesem Licht zu erleuchten.
So nur kommt der Geist zu sich.
So nur kann sein himmelisches Reich, die Utopie schlechthin herabsteigen und unsereiner aus den Niederungen des Allzumenschlichen hinauf, auf dieser freilich oftmals suspekten Leiter.