Das Karussell

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgend wohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel . . .

Rainer Maria Rilke, Juni 1906, Paris
30 Jan '05 09:50 | | 1 Kommentar

Tanz auf dem Seil (Artisten-Methaphysik Teil 2)

Fortsetzung von Teil 1

Natürlich ist die Frage berechtigt, was das bringt. Und natürlich versteht es sich von selbst, das die Jecken sich mehr davon versprechen, es ist kurz gesagt für sie der einzige Weg um von a nach b zu gelangen. Wobei b für etwas steht, was a entschieden vorzuziehen ist.

Was aber ist "b" für ein merkwürdiger Ort, oder sagen wir besser: was geschieht mit dem Artisten durch den "Tanz" auf dem Seil?

Zarathustra begegnet auf seinem Weg vom Gebirge in die Stadt einem alten Einsiedler der seine heilige Hütte verlassen hat.

Das ist also Plattform a, die Ausgangslage.

Die Welt hat keinen Sinn und damit hat auch das Subsystem Mensch, so sehr es sich auch auf den Kopf stellt und mit den Ohren wackelt, keinen.

Nietzsche behauptet nun auf dem Markt der Stadt angekommen, den Übermenschen "als den Sinn der Erde".

Aber das Volk lacht ihn aus.

Plattform b ist also die sinnhafte Welt. Wenn dem so wäre, wäre ja doch ein gewisser Anreiz da. Und die Jecken hätten ein plausibles Motiv.

Aber schon Nietzsche merkt, dass die Leute sich das gar nicht mal mehr vorstellen können, was es da geben können sollte. Vielleicht wiegt auch noch die Enttäuschung zu schwer, wem war man nicht alles nachgelaufen.(z.b. dem alten Gott ?!)

Zarathustra beschließt, dass es zu früh ist, von diesem Ziel zu sprechen, besser man spricht von Plattform a, was an der schlecht ist.
Die bekannte Stelle:

Jetzt kann man natürlich hergehen und behaupten die Plattform a und die Plattform b sind quasi identisch, es ist halt eine fromme Lüge dass es ein b geben könnte, findet euch damit ab, der "Tod Gottes" hat es ja gezeigt dass es nichts gibt.

Das macht natürlich den Drahtseilakt zu einem etwas absurd anmutenden Schauspiel!

Wenn es aber doch die Chance gibt, wenn das Rätsel Welt doch eine andere Lösung zuließe als dieses: "findet euch damit ab, die ganze Zappelei ist im Grunde ohne jeden Sinn", dann wäre doch ein solcher Drahtseilakt gerechtfertigt.

Ich weiss, dass viele diese Möglichkeit mittlerweile nicht mehr erkennen und vielleicht, das kann ich ja nicht ausschließen, gibt es sie auch nicht.

Aber solange ich dort drüben noch glaube was zu sehen, lohnt es sich für mich und das Seil ist meine Welt.

Das Neue aber ist, dass es sich bei b nicht mehr um ein "Jenseits", eine übersinnliche Wirklichkeit oder ähnliches handelt, die Artisten-Metaphysik handelt von der Dialektik, von Bewußtsein und Sein, und nur ein bestimmtes gewandeltes Bewußtsein wird auch ein neues gewandeltes Dasein hier ermöglichen, und dieses wird wieder dem Bewußstsein neue Räume öffnen.
23 Jan '05 17:19 | | 1 Kommentar

Looking for truth, not for fame

Fortsetzung von Nix gelernt und Du Tarzan?.

Die Knochen des mutmasslichen homo florensis sind noch immer in seinem Safe, und der streitbare Dr. Jacob wird sie auch so schnell nicht wieder hergeben. Derweil ist ein heftiger Streit entbrannt, ob es die Funde einer eigenen Spezies sind oder nicht. Man bezichigt die Gegenseite des Diebstahls, schilt sich "scientific terrorists", und versteht nur die eigene Arbeit als im Dienste der Wahrheit.

Tsk, tsk.

Lesematerial: Guardian
17 Jan '05 13:25 | | kommentieren

Artisten-Metaphysik!

Nur Wortgeklingel oder hat nun dieses Überschreiten tatsächlich etwas artistisches, weil es nicht einfach gelingt, weil es geübt sein will, weil es ein Drahtseilakt bleibt.

Das Übersinnliche an den Ideen ist ja gleichzeitig das Weltfremde, das nicht Geläufige, das Abnorme. Das rückt sie immer auch ins Zwielicht des Gefährlichen oder des Hirngespinstes, ein Balanceakt auch.

Metaphysik zwischen Kunst und künstlich, der kommende Gott ist unser Geschöpf, aber eines, das in der Lage ist, uns über den Kopf zu wachsen, hoffentlich im denkbar besten Sinn des Wortes, im Sinne von bestehende Bewußtseinsgrenzen überwinden, magischer Idealismus...tanzende Sterne...

"In den Flüssen nördlich der Zukunft werf ich mein Netz aus ...." Celan
15 Jan '05 20:41 | | 1 Kommentar

Was stirbt ist der Irrtum.

Bin immer versucht zu sagen: Was stirbt ist der Irrtum.
Aber meine Irrfahrt duchs Leben enthält eine Botschaft
deshalb ist es wichtig, in wie weit ich mich irre.
Wenn ich das Fragezeichen selbst als Gott anbete (Nietzsche), oder
wenn ich mit zu einfachen Antworten aufwarte. Dann bin ich
in seichten Gewässern unterwegs, und meine Botschaft
verläuft sich am Strand.
10 Jan '05 19:55 | | kommentieren

Mimetische Kultur, eine Idee zum Anfang des Bewußtseins

Meist wird das Entstehen des Bewußtseins in der Geschichte der Menschen zeitlich gleichgesetzt mit der Entstehung der Wortsprache. Nicht so bei Merlin Donald, er sieht das Bewußtsein in der Menschlichen Evolution früher, und zwar in der Phase der "Mimetischen Kultur" des Homo erectus vor 2 oder 2.5 Mio Jahren. Hier können unsere Vorfahren bereits vergangene Ereignisse mimisch nachahmen, bewußt wiederholen, und so vergangene Sequenzen bewertend ihrem Clan kommunizieren. Diese Fähigkeiten wären erst die Voraussetzung für die Entstehung der Sprache, denn ohne das Repräsentieren gibts ja nichts wo man drüber reden könnte, wozu also bräuchte man die Sprache ...

In diesem Zusammenhang wird die Entstehung der Sprache mit dem Übergang zuum homo sapiens gesehen, vor ca. 150 000 Jahren. Man kann wohl davon ausgehen, dass der Mensch der Mimetischen Kultur eine primitive Ursprache, also Intonation und v.a. Rhytmus beherrschte.

Quelle: Merlin Donald, Origins of the Modern Mind, 1991
08 Jan '05 22:21 | | 1 Kommentar

Nietzsche und der Führungsanspruch der Stärkeren

Ob wir im Grunde Tiere sind und so dieses Prinzip des Stärkeren in dieser Weise tatsächlich naturgegeben zutrifft?

Unterscheidet sich nicht gerade der Mensch von den Tieren weil etwas Neues - ebenso Natürliches hinzugekommen ist? Wollte Nietzsche zurück? Sich zum Affen machen, was sollte das für einen Sinn darstellen? Dacapo für ein unendliches Vegetieren, Ja schreien für eine Natur, die auf fressen und gefressen werden beruht, war es das was Nietzsche vorschwebte?

Nietzsche richtig verstehen ist, wer kann das von sich behaupten. Es ist natürlich immer eine Interpretation von Nietzsche und damit auch immer ein über Nietzsche hinausgehen, oder hinter ihn zurückfallen. Meine Interpretation geht jedefalls dahin, dass Nietzsche diese Stark/Schwach Polarität viel zu primitv angelegt hatte.

Wir als Menschen haben gerade die Natur nicht in diesem Raster zu funktionieren, wir haben dieses (Über-) Natürliche, sofern wir nicht auf unsere primitivsten Wurzeln zurückgeworfen werden. Der Mensch ist das nicht festgestellte Tier schreibt Nietzsche irgendwo - und damit hat er recht. Wir müssen uns heraussuchen was wir sind/sein wollen.

Deshalb gibt es meiner Meinung nach auch gar nicht die Möglichkeit "zu sich selbst" kommen zu können, wenn man damit eine gegebene "eigentliche" eigene Natur meint.

Ich bin voll mit Nietzsche einig in dem Punkt der Lebenssteigerung, aber hierzu benutzt man den Verstand, damit man eben gerade nicht mehr nach dem banalen Muster Reiz-Reaktion funktioniert.
07 Jan '05 11:09 | | fünf Kommentare

Odyssee des Geistes

"Was wir Natur nennen, ist ein Gedicht, daß in geheimer wunderbarer Schrift verschlossen liegt. Doch könnte das Räthsel sich enthüllen, würden wir die Odyssee des Geistes darin erkennen, der wunderbar getäuscht, sich selber suchend, sich selber flieht; denn durch die Sinnenwelt blickt nur wir durch Worte der Sinn, nur wir durch halbdurchsichtigen Nebel das Land der Phantasie, nach dem wir trachten.

Jedes herrliche Gemälde entsteht dadurch gleichsam, daß die unsichtbare Scheidewand aufgehoben wird, welche die wirkliche und idealistische Welt trennt, und ist nur die Öffnung, durch welche jene Gestalten und Gegenden der Phantasiewelt, welche durch die wirkliche nur unvollkommen hindurchschimmert, völlig hervorgetreten."

Schelling, System des transzendentalen Idealismus, 1800
02 Jan '05 15:16 | | 1 Kommentar

Zu den mesmeristisch-magischen Attitüden Schellings, die wir teilen

"Sein Jugendwerk, vor allem aus der Zeit von Schellings glücklicher Konstellation mit dem wohlwollenden Goethe, spiegelt einen pleromatischen Weltaugenblick wieder, es bezeugt eine singuläre Vollmacht der Intelligenz in der Fülle ihrer Epoche.

Mag sein, dass dieser Schellingsche Augenblick unwiederbringlich der Vergangenheit anheimgefallen ist; gleichwohl ist aus ihm eine Problemstellung aufgetaucht, in der sich auch das zeitgenössische Denken wiederzuerkennen vermag. Denn in seiner naturphilosophischen Kehre hat Schelling das Motiv jener ermöglichenden Vergangenheit des Bewusstseins entdeckt, ohne die es die für das Denken der Moderne maßgeblichen Kategorien des Unbewussten und der kognitiven Evolution nicht gäbe. Nur durch die mesmeristisch-magische Attitüde bleiben Schellings Durchbrüche zur logischen Modernität dem romantischen Horizont verhaftet; in der Sache betreibt Schelling eine Naturgeschichte der Freiheit als Embryologie der Vernunft.

Tatsächlich lauscht der junge Philosoph wie ein enthusiastischer Gynäkologe am Bauch der geistträchtigen Natur, um in ihrem Inneren die Herztöne des noch nicht zur Welt gebrachten Selbstbewusstseins nachzuweisen. Aus seiner Assistenz bei der Geburt des Bewusstseins aus dem noch Bewusstlosen gewinnt Schelling die Einsichten, durch die er zum ersten unter den großen Theoretikern der Kunst in der Moderne werden sollte."

P.Sloterdijk, aus der Vorbemerkung zu Schelling Ausgewählt und vorgestellt von Michaela Boenke
02 Jan '05 14:27 | | kommentieren

Tsunami

Wie kann Gott das zulassen?

Die einfachste Antwort die mir hierzu einfällt ist:

Gott läßt dies nicht zu, aus dem gleichen Grund warum er es auch nicht verhindert, weil es kein Wesen gibt, das in etwa dem entspricht was wir uns darunter vorstellen, wenn wir Gott sagen. Ein solcher Gott existiert nicht, deshalb kann er weder etwas verhindern noch etwas zulassen.

Ist die Welt deshalb sinnlos, ist alles was geschieht Schall und Rauch, wie man so schön sagt und führt zu nichts ?

Natürlich können wir darüber nur spekulieren, aber da es bereits zu Subjektivität geführt hat, zu Kunst und Wissenschaft, zu Philosophie und Menschlichkeit, vielleicht führt es letztendlich auch noch zu Gott. Wir sind Produkte eines Prozesses, die auf Ihren Ursprung reflektieren können, wir sind Produkte eines Prozesses - und wir sind Produzenten von Produkten dieses Prozesses, der Prozess ist in uns in ein Stadium bewußten Produzierens übergegangen. Manchmal sogar schöpferisches Produzieren oder sollte man sagen Erschaffen, noch spielt der Mensch manchmal nur Gott, er spielt, weil er sich noch nicht begriffen hat, weil er tatsächlich noch in den Kinderschuhen steckt.

Ob daraus einmal der Gott erwächst?
01 Jan '05 10:19 | | zwei Kommentare
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